Münster, 10. September 2026. Bäume auf dem Acker oder Grünland – funktioniert das unter den Bedingungen nordrhein-westfälischer Betriebe? Welche Gehölze passen zu welchem Standort? Wie hoch sind Kosten und Arbeitsaufwand? Und welche Produkte lassen sich am Ende vermarkten?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich das neue EIP-Agri-Projekt „Leitbetriebe Agroforstwirtschaft NRW – Übersetzung nachhaltiger Landwirtschaft auf Betriebsstrukturen und Kulturlandschaften“. Unter Federführung des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV) arbeiten Landwirtschaft, Beratung und Wissenschaft ab dem 1. September 2026 gemeinsam daran, Agroforstwirtschaft für die Bedingungen in Nordrhein-Westfalen praxistauglich weiterzuentwickeln. Das Projekt wird im April 2029 abgeschlossen, aber das Netzwerk soll weit darüber hinaus fortbestehen. Diese initiale Phase wird durch das Landesamt für Verbraucherschutz und Ernährung NRW mit Mitteln der Europäischen Union und des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.
Denn obwohl zu den ökologischen und ökonomischen Wirkungen von Agroforstsystemen bereits zahlreiche Forschungsergebnisse vorliegen, gibt es in NRW bislang vergleichsweise wenige Erfahrungen aus landwirtschaftlichen Betrieben. Für viele Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter ist deshalb schwer einzuschätzen, wie ein Agroforstsystem unter ähnlichen betrieblichen Bedingungen funktioniert und ob sich die Investition wirtschaftlich trägt.
„Wir wollen nicht nur zeigen, wie Agroforst angelegt wird. Entscheidend ist, was danach passiert: Wie viel Arbeit fällt an, welche Kosten entstehen und welche Erfahrungen machen die Betriebe mit der Bewirtschaftung und Vermarktung?“, sagt Thomas Middelanis, Projektleiter.
Sieben Betriebsprofile für NRW
Im Projekt sollen mindestens sieben für Nordrhein-Westfalen typische Betriebsprofile definiert und von konkreten Leitbetrieben repräsentiert werden. Ein einheitliches Agroforstmodell für ganz NRW ist dabei ausdrücklich nicht das Ziel. Ackerbau, Gemüsebau, Tierhaltung und Futterbau stellen unterschiedliche Anforderungen an die Gestaltung und Bewirtschaftung.
Die Auswahl der Leitbetriebe orientiert sich deshalb an den tatsächlichen Bedingungen vor Ort. Die vorgesehenen Agroforstflächen sollen pro Betrieb insgesamt mind. fünf Hektar umfassen und regulär landwirtschaftlich bewirtschaftet werden. Im Projektverlauf sollen mindestens fünf neue Agroforstsysteme angelegt werden. Weitere landwirtschaftliche Betriebe können sich beteiligen und Beratung bei der Planung und Umsetzung erhalten.
Die Leitbetriebe werden eng begleitet. Die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen übernimmt die individuelle Beratung und unterstützt bei der Planung und Finanzierungsmodellen der Systeme.
Was kostet Agroforst – und lohnt es sich?
Ein Schwerpunkt des Projekts liegt auf der wirtschaftlichen Seite. Die Hochschule Rhein-Waal untersucht die ökonomischen Grundlagen verschiedener Agroforstsysteme – von Direktkosten und Arbeitsaufwand über Beratung und Planung bis hin zu Produkten, Absatzwegen und regionalen Wertschöpfungsketten.
Auch die Umwelt- und Landschaftswirkungen werden im Projekt betrachtet. Das Institut für Landschaftsökologie der Universität Münster untersucht in mindestens sieben Fallstudien, welche Wechselwirkungen zwischen Agroforstsystemen und ihrer jeweiligen Landschaft bestehen.
Ein konkretes Handlungsfeld sind zudem Pachtflächen. Wenn Gehölze je nach Nutzung über Jahrzehnte auf einer Fläche stehen, stellt sich die Frage, wie langfristige Investitionen mit den oft kürzeren Laufzeiten von Pachtverhältnissen zusammenpassen. Dazu werden Pächterinnen und Pächter sowie Verpächterinnen und Verpächter befragt. Auf dieser Grundlage sollen Muster-Pachtverträge für eine planungssichere Umsetzung von Agroforstsystemen entwickelt werden.
Erfahrungen direkt aus der Praxis
Der Austausch zwischen den Betrieben ist ein wichtiger Bestandteil des Projekts. Auf den Leitbetrieben sollen mindestens sieben Informations- und Praxisveranstaltungen beziehungsweise Feldtage stattfinden. Landwirtinnen und Landwirte können sich die Systeme vor Ort anschauen und mit den Betriebsleitungen über Erfahrungen, Schwierigkeiten und Lösungen sprechen.
Die Leitbetriebe sollen damit mehr sein als Demonstrationsflächen: Sie sollen Anlaufstellen für andere Landwirtinnen und Landwirte werden. Weitere Projektergebnisse werden über die Agrarpresse, Fachveranstaltungen und einen Projektnewsletter verbreitet.
„Wir brauchen mehr Erfahrungen aus Betrieben, die unter unseren nordrhein-westfälischen Bedingungen arbeiten. Genau diese Erfahrungen wollen wir mit dem Projekt sichtbar machen und für andere Betriebe zugänglich machen“, sagt Dr. Jörn Krämer, verantwortlicher Referent beim WLV.
Hinter dem Projekt steht eine Operationelle Gruppe mit 14 Mitgliedern aus Nordrhein-Westfalen. Beteiligt sind der WLV, der Rheinische Landwirtschafts-Verband (RLV), die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, das Institut für Landschaftsökologie der Universität Münster, die Hochschule Rhein-Waal, der Agroforstberater Burkhard Kayser sowie landwirtschaftliche Betriebe aus verschiedenen Regionen Nordrhein-Westfalens. Der Deutsche Fachverband für Agroforstwirtschaft (DeFAF) ist als assoziierter Partner eingebunden.
Das Projekt läuft vom 1. September 2026 bis zum 30. April 2029. Es wird im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft „Landwirtschaftliche Produktivität und Nachhaltigkeit“ (EIP-Agri) durch das Landesamt für Verbraucherschutz und Ernährung NRW mit 498.987,92 Euro gefördert.
Alle interessierten Betriebsleiterinnen und -leiter können sich an die Projektleiterin seitens der AbL wenden (Eva Horrion, horrion[at]abl-ev.de), sodass ihnen konkrete Angebote des Mitmachens und der Förderung mitgeteilt werden.
Weitere Informationen zum Projekt und die Möglichkeit zur Anmeldung für den Projektnewsletter gibt es hier: Agroforst Newsletter NRW
